Toxische Führung: Gift, Dosis, Gegenmittel
Toxische oder konsequente Führung?
Manche Führungskraft fordert viel, hält an unbequemen Entscheidungen fest und lässt sich von Widerstand nicht beirren. Ist das schon toxisch? Oder einfach nur konsequent?
Diese Frage, ob ein Führungsverhalten vergiftend wirkt, stellt sich, wer selbst Führungsverantwortung trägt und die eigene Wirkung reflektieren möchte. Sie stellt sich, wer als Teammitglied spürt, dass etwas nicht stimmt, ohne es benennen zu können. Und sie stellt sich in der Personal-Abteilung, wenn eine Beschwerde auf dem Tisch liegt und niemand genau weiß, wie ernst sie zu nehmen ist.
Dieser Blog vertieft eine neunteilige LinkedIn-Reihe zu toxischer Führung. Er beginnt dort, wo jede saubere Auseinandersetzung mit dem Thema beginnen muss: bei der Abgrenzung. Denn ein Begriff, der zu weit gefasst wird, verliert seine Kraft.
Wird jede unbequeme Führungskraft vorschnell als toxisch bezeichnet, verschwimmt die Grenze zu tatsächlich vergiftendem Verhalten – und wer wirklich betroffen ist, wird nicht mehr gehört.
Der Unterschied, der zählt
Konsequente Führung ist vorhersehbar.
Sie fordert, sie hält an Entscheidungen fest, sie reagiert auf gleiches Verhalten gleich. Wer heute eine Deadline verfehlt, erlebt dieselbe Reaktion wie jemand, der das vor drei Wochen tat. Das kann im Moment unbequem sein. Es ist aber nicht schädlich, weil es berechenbar bleibt. Mitarbeitende wissen, woran sie sind.
Toxisch wird Führung, wenn sie systematisch verunsichert, entwertet oder unberechenbar macht.
Wenn niemand mehr weiß, welche Version der Führungskraft heute im Raum steht. Wenn Kritik nicht mehr der Sache dient, sondern der Person schadet. Der entscheidende Unterschied liegt also nicht in der Härte einer Rückmeldung, sondern in ihrer Funktion: Dient sie der Klarheit, oder dient sie der Kontrolle?
Der Drei-Fragen-Test nach Robert Sutton
Eine der bekanntesten Orientierungshilfen stammt vom Stanford-Professor Robert Sutton: In seinem Buch "The No Asshole Rule: Building a Civilized Workplace and Surviving One That Isn't (2007)", das auf einen Essay in der Harvard Business Review zurückgeht, schlägt Sutton zwei einfache Tests vor.
Der erste Test fragt nach der Wirkung beim Gegenüber:
Fühlt sich die betroffene Person nach einem Gespräch erniedrigt, kleiner oder schlechter über sich selbst, unabhängig davon, wie sachlich die Situation von außen gewirkt haben mag? Diese subjektive Wirkung zählt nach Sutton mehr als die objektive Angemessenheit der Kritik.
Der zweite Test fragt nach der Richtung: Zeigt sich dieses Verhalten gezielt gegenüber Menschen mit weniger Macht, während es gegenüber Ranghöheren ausbleibt? Wer nach oben freundlich und nach unten grob ist, zeigt damit etwas Wesentliches: Es geht nicht um Ehrlichkeit oder hohe Standards. Es geht um Kontrolle gegenüber denen, die sich schwerer wehren können.
Sutton ergänzt beide Tests um einen dritten, den nach Regelmäßigkeit: die zwischen einem einzelnen schlechten Tag und einem wiederkehrenden Muster. Jede Führungskraft reagiert einmal ungeduldig oder unwirsch. Das macht sie nicht toxisch. Toxisch wird es erst, wenn aus der Ausnahme eine verlässliche Regelmäßigkeit wird – wenn Kolleginnen und Kollegen ein bestimmtes Verhalten vorhersehen können, noch bevor es eintritt.
Wichtig für die Einordnung: Suttons Modell ist ein praxisnahes, vielfach zitiertes Rahmenwerk aus einem Managementbuch, keine peer-reviewte Studie im engeren Sinn. Seine Stärke liegt in der Klarheit und der unmittelbaren Anwendbarkeit im Alltag, nicht in einer statistischen Absicherung. Für Letzteres lohnt sich der Blick in die akademische Forschung.
Was die Wissenschaft zu toxischer Führung sagt
Die meistzitierte wissenschaftliche Definition destruktiver Führung stammt von Bennett J. Tepper. In seiner grundlegenden Arbeit Consequences of Abusive Supervision (Academy of Management Journal, 2000) beschreibt Tepper toxische beziehungsweise „missbräuchliche" Führung als anhaltendes, feindseliges verbales und nonverbales Verhalten von Vorgesetzten gegenüber Mitarbeitenden – ausdrücklich ohne physischen Kontakt.
Diese Definition bildet bis heute die Grundlage, auf der die meisten späteren Studien zum Thema aufbauen.
Trotz dieser einflussreichen Definition ist die Forschung sich keineswegs vollständig einig, was toxische Führung genau ausmacht. Ein aktueller, frei zugänglicher Übersichtsartikel von Akinyele und Chen (2024) mit dem Titel Dark Clouds of Leadership: Causes and Consequences of Toxic Leadership (International Studies of Management & Organization) zeigt, dass Definition und Messung toxischer Führung in der Forschung bis heute uneinheitlich bleiben.
Das ist ein ehrlicher Hinweis darauf, warum die Abgrenzung auch im Berufsalltag so schwerfällt: Selbst die Wissenschaft ringt um eine trennscharfe Grenze.
Für die Praxis und diesen Beitrag bedeutet das: Die Tests nach Sutton und die Definition nach Tepper ergänzen sich. Sutton liefert die alltagstaugliche Orientierung, Tepper die wissenschaftliche Tiefe darunter.

Wie verbreitet ist toxische Führung wirklich?
Eine Studie der Universität Bielefeld unter Leitung von Prof. Dr. Christina Hoon hat über 40.000 Arbeitgeberbewertungen auf der Plattform Kununu ausgewertet und darüber im Januar 2025 im Tagesspiegel berichtet. Das Ergebnis: In 85 Prozent der Fälle wurde toxisches Führungsverhalten beschrieben.
Diese Zahl verdient eine sorgfältige Einordnung, die ich Ihnen hier nicht vorenthalten möchte, auch wenn sie die Aussage etwas relativiert. Kununu-Bewertungen sind selbstselektiert: Wer unzufrieden ist, bewertet deutlich häufiger als wer zufrieden ist. Die 85-Prozent-Zahl ist deshalb eher als Obergrenze zu verstehen, nicht als repräsentativer Anteil aller Führungskräfte in Deutschland. Eine Zahl aus 40.000 Bewertungen zufriedener und unzufriedener Beschäftigter gleichermaßen läge vermutlich niedriger.
Trotz dieser methodischen Einschränkung bleibt die Tendenz bemerkenswert deutlich. Selbst wenn man einen erheblichen Selektionseffekt einrechnet, deutet nichts darauf hin, dass toxisches Führungsverhalten eine seltene Ausnahme ist. Es scheint, zumindest unter denjenigen, die den Anstoß sehen, ihre Erfahrung öffentlich zu teilen, eher die Regel als die Ausnahme zu sein.
Was diese Unterscheidung bedeutet
Sutton und Tepper beschreiben von unterschiedlichen Seiten dasselbe Muster:
Härte allein macht eine Führungskraft nicht toxisch, gezielte, wiederkehrende Herabsetzung der Schwächeren schon.
Diese Unterscheidung zu kennen, schützt in zwei Richtungen.
- Sie schützt Führungskräfte davor, für notwendige Konsequenz pauschal verurteilt zu werden oder sich selber in Frage zu stellen, wenn Sie unbequeme Entscheidungen treffen müssen und diese im Sinne konsequenter Führung umsetzen.
- Sie schützt andererseits Betroffene davor, dass ihre Erfahrung als Überempfindlichkeit abgetan wird, wo tatsächlich ein wiederkehrendes, schädliches Muster seitens der Führungkraft vorliegt.
Toxisches Verhalten als Führungsschwäche
Ein Vorgesetzter, der seine Mitarbeiter in unberechenbarer Weise anschreit, gilt als Paradebeispiel toxischer Führung.
Eine Führungskraft, die einfach nichts tut, gilt dagegen oft als harmlos, bestenfalls als schwach. Die Forschung zeichnet ein anderes Bild: Gerade die leise Form kann mehr Schaden anrichten als die laute.
Im Bild dieser Reihe lässt sich das schärfer fassen: Gift ist das schädliche Verhalten selbst, unabhängig davon, wie laut oder leise es auftritt. Die Dosis ist die Häufigkeit, mit der dieses Verhalten zu einem bestimmten Zweck eingesetzt wird, die Grenze, die dem Regelmäßigkeits-Test nach Sutton gezogen ist.
Daneben darf die psychologische Sicherheit (Edmondson, 1999) nicht aus dem Blick geraten: Schon ein einzelner Ausrutscher ist dann schädlich, wenn er verletzt.

Laute und leise Führungsschwäche
Toxische Führung hat entsprechend mindestens zwei Gesichter. Die eine Form ist laut: die Tür, die ins Schloss fällt, die Stimme, die noch im Flur nachhallt. Wer das erlebt, trägt es oft noch Stunden später mit sich, und dem Team raubt ein solcher Ausbruch jedes Mal ein Stück Vertrauen.
Die andere Form ist leise: ein Konflikt, der gemeldet wird und unkommentiert bleibt, eine Entscheidung, die vertagt wird, bis sie sich von selbst erledigt. Diese Zurückhaltung zeigt sich mal grundsätzlich, als generelles Führungsmuster, mal gezielt gegenüber einer einzelnen Person, deren Anliegen wiederholt übergangen werden. Beides wirkt schädlich, mitunter feindselig, nur ohne ein lautes Wort, und es wirkt genauso lange nach, nur anders: nicht durch einen Moment, sondern durch Wiederholung.
Wie schädlich die leise Form tatsächlich ist, zeigt eine Vergleichsstudie von Klasmeier und Kolleginnen und Kollegen (2022) an 658 Teammitgliedern aus 149 Teams. Das Ergebnis überrascht:
Aktiv-missbräuchliches Verhalten, die laute Form, senkte vor allem das Vertrauen im Team. Laissez-faire-Führung, also Vorgesetzte, die sich zurückziehen und Konflikte nicht bearbeiten, schadete dagegen der Hilfsbereitschaft innerhalb des Teams (organizational citizenship behavior) sowohl auf individueller als auch auf Teamebene noch stärker als aktives Fehlverhalten.
Zwei unterschiedliche Formen von Schaden also, je nachdem, welche Form toxischer Führung vorliegt, aber keine, die harmloser wäre als die andere.
Woran das liegt, erklärt eine Studie von Skogstad und Kolleginnen und Kollegen (2007) an über 2.200 norwegischen Beschäftigten.
Laissez-faire-Führung begünstigt demnach Rollenkonflikte und Rollenunklarheit im Team: Niemand weiß mehr genau, wer wofür zuständig ist oder wessen Entscheidung zählt. In der Folge kommt es häufiger zu Mobbing am Arbeitsplatz und, darüber vermittelt, zu psychischer Belastung bei den Betroffenen.
Die Autorinnen und Autoren sprechen deshalb ausdrücklich nicht von einer "Nullführung" ohne Folgen, sondern von einer eigenständigen Form destruktiver Führung.
Beide Formen wirken als Muster toxisch
Schlechter Schlaf. Ein flauer Magen vor jedem Meeting. Eine Anspannung, die sich abends nicht mehr löst. Manches könnte der Anfang einer Bleivergiftung sein, hier sind erste Anzeichen einer Vergiftung durch toxische Führung.
Was beiden Fällen gemeinsam ist: Die Vergiftung erfolgt nicht durch eine einzelne Aufnahme, sondern durch die Menge, die sich über Zeit im Körper anreichert.

Genau das macht toxische Führung so schwer erkennbar, während man ihr ausgesetzt ist:
Eine Befragung von 400 Beschäftigten zeigt, dass toxische Führung deutlich mit Angst, emotionaler Erschöpfung und Burnout zusammenhing, begleitet von organisationalem Schweigen (Wolor et al., 2022).
Diese Symptome erscheinen häufig lange, bevor jemand den eigenen körperlichen Zustand mit der eigentlichen Ursache verbindet, aus genau dem Grund, den der vorherige Abschnitt beschreibt: Die Fähigkeit zur bewussten Einordnung ist blockiert.
Erschöpfung unter einer toxischen Führungskraft ist deshalb kein Zeichen mangelnder Belastbarkeit. Es ist die Reaktion eines Nervensystems, das dauerhaft in Alarmbereitschaft ist und das eigene Stressempfinden dabei zunehmend zurückdrängt, bis es sich normal anfühlt.
Weder die laute noch die leise Form entstehen zufällig. Beide ergeben im System der oder des Handelnden häufig einen inneren Sinn, selbst wenn sie nach außen verheerend wirken. Rückzug etwa kann eine Reaktion auf eigene Überforderung sein oder auf ungeklärte Erwartungen von oben. Das erklärt ein solches Verhalten. Es entschuldigt es nicht.
Wenn Führung unter Druck driftet
Diese systemische Erklärung lässt sich vertiefen. Wenn ein Team erlebt, dass eine bislang ansprechbare, faire Führungskraft zunehmend schroff und impulsiv wird, liegt ein Schluss nahe: Das ist ihr wahrer Charakter, der jetzt durchkommt. Die Sozialpsychologie kennt für diese Zuschreibung einen eigenen Begriff. Menschen neigen systematisch dazu, das Verhalten anderer eher der Persönlichkeit als der Situation zuzuschreiben – ein Effekt, den Lee Ross (1977) als Fundamental Attribution Error beschrieben hat. Beobachtende Teams liegen mit dieser Zuschreibung deshalb wahrscheinlich häufiger falsch, als es sich anfühlt.
Was stattdessen geschehen kann, folgt keiner bewussten Entscheidung, sondern einem neurobiologischen Mechanismus. Unter anhaltendem Stress verändern sich zwei Gehirnfunktionen gleichzeitig: Die Amygdala, die Bedrohung bewertet, wird empfindlicher und schlägt schneller Alarm, auch bei nur scheinbaren Bedrohungen. Der präfrontale Kortex, der für überlegtes, differenziertes Handeln zuständig ist, wird zeitgleich gedrosselt (Arnsten, 2009). Das Ergebnis ist ein unbeabsichtigtes Abgleiten von bewusster, überlegter Steuerung zu impulsivem Verhalten – eine Verschiebung, die selten mit einem Schlag passiert, sondern sich meist erst zeigt, wenn sie sich bereits verfestigt hat. Niemand wird über Nacht zu einer toxischen Führungskraft.

Für Personalabteilungen und Vorgesetzte hat das eine praktische Konsequenz.
- Eine direkte Konfrontation löst bei der betroffenen Führungskraft vor allem eines aus: Rechtfertigungsdruck. Und genau unter diesem Druck nimmt der beschriebene Mechanismus eher noch zu, nicht ab. Eine Verhaltensänderung wird dadurch neurobiologisch unwahrscheinlicher, nicht wahrscheinlicher.
- Ein frühzeitiges, externes Coaching in einem wertfreien Raum wirkt in solchen Fällen häufig nachhaltiger, weil es genau den Druck vermeidet, der den Mechanismus sonst verstärkt.
Fehlende Kontrolle oder ein fehlendes Gegengewicht in der Unternehmenskultur begünstigt zusätzlich, dass sich ein solches Muster festigt. Wird einer beginnenden Drift nichts entgegengesetzt, bleibt sie folgenlos und wiederholt sich.
Persönlichkeitsmerkmale und Dunkle Triade
Drift unter Druck ist die eine Erklärung für toxisches Verhalten – situativ, im Prinzip bei jeder Führungskraft unter genug Druck möglich. Es gibt noch eine zweite, seltenere: eine Persönlichkeitsstruktur, die toxisches Verhalten von vornherein wahrscheinlicher macht, unabhängig vom Druck von außen.
Nur wenige Menschen in Führungspositionen weisen tatsächlich ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale der sogenannten Dunklen Triade auf, der Bündelung aus Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie (Frandrup, 2023).
Wo das jedoch der Fall ist, hat das eine konkrete Konsequenz für den Umgang Betroffener damit: Der häufige Rat eines klärenden, konstruktiven Gesprächs ist bei problematischen Persönlichkeitsstrukturen nicht hilfreich.
Das hängt damit zusammen, dass menschliches Feedback im direkten Gespräch oft schon kaum wirkt, wenn nur eines dieser schwierigen Persönlichkeits-Merkmale ausgeprägt ist. Kritik wird von Menschen in narzisstischen Nöten innerlich häufig als zutreffend anerkannt, abgewertet wird stattdessen die Person, die sie äußert (Kernis & Sun, 1994).
Wer Rückmeldung gibt, läuft damit selbst Gefahr, als unglaubwürdig dargestellt zu werden.
Genau hier zeigt die pferdegestützte Arbeit einen zusätzlichen Zugang: Ein Pferd hat keinen sozialen Status, den es zu verteidigen gilt, sein Feedback ist wertfrei und subtil genug, um nicht als Bloßstellung, sondern als Entlastung erfahren zu werden.
Eine Grenze bleibt dabei bestehen: Bei einer vollen Bündelung aller drei Merkmale mit ausgeprägten psychopathologischen Zügen zeigt auch die Forschung zur Psychopathie kaum noch Ansatzpunkte für Veränderung (Reidy, Kearns & DeGue, 2013).
Diese Unterscheidung entlastet in beide Richtungen: Sie erspart es, jede schwierige Führungskraft vorschnell als 'Psychopathen' abzustempeln, und macht zugleich deutlich, warum ein klärendes Gespräch in manchen Fällen strukturell nicht ausreicht, so gut es auch gemeint ist.
Gegenmittel zu toxischer Führung
Was ein Pferd in Bezug auf toxische Führung zeigen kann
Ergänzend dazu eine Beobachtung aus meiner eigenen Praxis, die die bisherige wissenschaftliche Unterscheidung um eine körperliche Ebene erweitert: Pferde reagieren nicht auf Titel, Argumente oder rhetorisches Geschick. Sie reagieren auf Präsenz, auf Kongruenz zwischen dem, was jemand sagt, und dem, was er oder sie tatsächlich ausstrahlt.
Ein Pferd bewertet nicht. Es reagiert auf den aktuellen inneren Zustand als Ko-Regulator, unter anderem über eine Angleichung der Herzfrequenz (vgl. Naber et al., 2025), und macht dadurch oft überhaupt erst spürbar, wie viel Anspannung sich bereits angesammelt hat. In einem Rahmen außerhalb des Systems, der nicht bewertet und auf gute Ratschläge verzichtet, wirkt es zugleich als Katalysator, der Coaching-Prozesse beschleunigt, weil er auf mehr Ebenen wirkt als ein reines Gespräch.
Für Führungskräfte, die für sich selbst nach Klarheit suchen
Führungskräfte, die sich in Meetings sicher und überzeugend erleben, machen in der pferdegestützten Arbeit gelegentlich eine überraschende Erfahrung: Der Unterschied zwischen beabsichtigter und tatsächlicher Wirkung wird dort unmittelbar sichtbar, ohne dass ein Wort fällt.
Der Unterschied zu einem Meeting liegt in der Rückmeldung, die beide Situationen liefern:
Im Meeting filtern Hierarchie, Höflichkeit und eigene Interessen, wie offen eine Reaktion ausfällt – wer sich selbst souverän erlebt, dem wird selten unmittelbar widersprochen. Ein Pferd kennt diese Rücksicht nicht. Es liest ausschließlich, was tatsächlich da ist, und macht dadurch sichtbar, ob konsequentes Auftreten aus echter innerer Klarheit kommt oder Unsicherheit und Kontrollbedürfnis überdeckt.
Für die Unterscheidung zwischen konsequent und toxisch ist genau das aufschlussreich: Sie entscheidet sich nicht daran, was eine Führungskraft beabsichtigt, sondern daran, wie sie agiert und was bei anderen tatsächlich ankommt: Die Lücke zwischen dem Selbstbild einer Führungskraft und ihrer tatsächlichen Wirkung lässt sich in der Arbeit mit Pferden bewertungsfrei erleben und auf dieser Basis reflektieren.
Gerade für eine Führungskraft, die unter Dauerdruck in impulsives Verhalten abgedriftet ist, ist dieser bewertungsfreie Raum kein Zufall: Er vermeidet genau den Rechtfertigungsdruck, der den Drift-Mechanismus sonst verstärkt.
Für Betroffene, die für sich selbst nach Klarheit suchen
Viele Betroffene zweifeln an der eigenen Wahrnehmung, weil dieselbe Führungskraft gegenüber Ranghöheren oder in größerer Runde souverän, kompetent oder u.U. sogar sympathisch wirkt – während sie im Gespräch unter vier Augen etwas ganz anderes erlebt haben. Dieser Widerspruch nährt häufig lange den Verdacht, überempfindlich zu reagieren, die Ursache bei sich zu suchen oder sich die Situation nur einzubilden.
Wer nach solchen Erfahrungen selbst Unterstützung sucht, kommt selten mit einer einzelnen offenen Frage, sondern meist mit zwei:
- Handelt es sich tatsächlich um ein toxisches Verhältnis – oder überzeichnet die eigene Empfindsamkeit oder Erschöpfung das Bild?
- Und, davon unabhängig: Wie lässt sich an der Situation etwas ändern, sei es durch ein klärendes Gespräch, eine veränderte Grenzsetzung oder den Ausstieg?
Für die erste Frage bietet die pferdegestützte Arbeit einen Zugang, ein Gegenmittel, was ein Gespräch allein oft nicht leisten kann. Ein Pferd bewertet nicht. Es reagiert auf den aktuellen inneren Zustand – und macht dadurch oft überhaupt erst spürbar, wie viel Anspannung sich bereits angesammelt hat. Diese körperliche Rückmeldung ergänzt die gedankliche Prüfung anhand der drei Tests aus diesem Artikel um eine Ebene, die sich schwerer wegdiskutieren lässt als ein Gefühl.
Diese wiederholte Erfahrung, vom Pferd unmittelbar und wertfrei wahrgenommen zu werden, wirkt dabei auf mehr als nur den Moment: Sie stärkt, was in der Psychologie als Selbstwirksamkeitserwartung bezeichnet wird – das Vertrauen, die eigene Situation aktiv beeinflussen zu können (Bandura, 1977). In einer explorativen Studie von 174 Rückmeldungen von Klient:innen war eine veränderte Selbstwahrnehmung einer der am häufigsten genannten besondere Moment im pferdegestützten Coaching (Schütz/Bertl, 2026).
Die zweite Frage – wie sich etwas verändern lässt – braucht in der Regel mehr Zeit. Unter andauerndem Druck fällt gerade das klare, abwägende Denken schwerer, das für eine solche Entscheidung gebraucht wird.
Aus der Stress-Grundlagenforschung ist bekannt, dass anhaltender, unkontrollierbarer Stress zwei Gehirnfunktionen gleichzeitig verändert: Die Amygdala, die Bedrohung bewertet, wird empfindlicher. Der präfrontale Kortex, der für klares Nachdenken, Einordnen und bewusste Verhaltenssteuerung zuständig wäre, wird gedrosselt (Arnsten, 2009). Der Alarm bleibt also bestehen und verstärkt sich eher noch. Nur die rationale, abwägende Einordnung dazu bleibt aus.
Derselbe Mechanismus, der hier Betroffenen das klare Abwägen erschwert, kann, wie weiter oben beschrieben, auch bei der Führungskraft selbst zum Abdriften unter Druck führen – zwei Seiten desselben neurobiologischen Vorgangs.
Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene
Wer toxisches Führungsverhalten selbst erlebt, muss diesen Weg nicht allein gehen. Ich schreibe hier als Coach, die Betroffene dabei unterstützt, Klarheit zu gewinnen und Veränderung anzustoßen – nicht als Rechtsberatung, Gewerkschaft oder Personalrat. Für die praktischen ersten Schritte können folgende Anlaufstellen hilfreich sein.
Für eine rechtliche Einschätzung im Einzelfall ersetzt keiner dieser Hinweise eine fachanwaltliche Beratung.
- Wer eine Situation zunächst strukturiert festhalten möchte, findet in einem Mobbingtagebuch eine bewährte Orientierung, etwa anhand dieser Vorlage mit Aufbauhinweisen. Karrierebibel ist ein privates Karriereportal, keine offizielle Institution, als kostenfreie Vorlage aber gut geeignet.
- Für arbeitsrechtliche Fragen bietet der DGB-Rechtsschutz eine bundesweite Anlaufstelle. Der volle Leistungsumfang ist an eine Gewerkschaftsmitgliedschaft gebunden, eine allgemeine Erstberatung ist aber auch niedrigschwelliger zugänglich.
- Innerhalb des Unternehmens haben Beschäftigte in Deutschland über § 84 Betriebsverfassungsgesetz das Recht, sich bei einer zuständigen Stelle zu beschweren – wird die Beschwerde ignoriert, lässt sie sich bis zur Betriebsleitung eskalieren. Seit Juli 2023 schützt zusätzlich das Hinweisgeberschutzgesetz Personen, die Missstände melden, ausdrücklich vor Repressalien.
Quellen
- Akinyele, A. & Chen, Z. (2024). Dark Clouds of Leadership: Causes and Consequences of Toxic Leadership. International Studies of Management & Organization.
- Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10, 410–422.
- Bandura, A. (1977). Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84(2), 191–215.
- Dorotik, C. Equine Therapy: Treating Narcissism. horsesinthesouth.com. Praxisbeitrag, 2011
- Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383.
- Frandrup, R. (2023). Dark Triad: die Macht von narzisstischen, machiavellistischen und psychopathischen Führungskräften in der Arbeitswelt. In: Bergk, A., Frandrup, R. & Morasch, C. (Hrsg.), Corporate Psychopathy. Springer Gabler, Berlin, Heidelberg.
- Kernis, M. H. & Sun, C.-R. (1994). Narcissism and reactions to interpersonal feedback. Journal of Research in Personality, 28(1), 4–13.
- Klasmeier, K. N., Schleu, J. E., Millhoff, C., Poethke, U. & Bormann, K. C. (2022). On the destructiveness of laissez-faire versus abusive supervision: a comparative, multilevel investigation of destructive forms of leadership. European Journal of Work and Organizational Psychology, 31(3), 406–420.
- Naber, A., Kreuzer, L., Zink, R., Millesi, E., Palme, R., Hediger, K. & Glenk, L. M. (2025). Heart rate and salivary cortisol as indicators of arousal and synchrony in clients, therapy horses and therapist in equine-assisted therapy. Complementary Therapies in Clinical Practice, 59, 101937.Skogstad, A., Einarsen, S., Torsheim, T., Aasland, M. S. & Hetland, H. (2007). The destructiveness of laissez-faire leadership behavior. Journal of Occupational Health Psychology, 12(1), 80–92.
- Reidy, D. E., Kearns, M. C. & DeGue, S. (2013). Reducing psychopathic violence: A review of the treatment literature. Aggression and Violent Behavior, 18(5), 527–538.
- Ross, L. (1977). The Intuitive Psychologist and His Shortcomings: Distortions in the Attribution Process. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in Experimental Social Psychology (Vol. 10, pp. 173–220). Academic Press.
- Sutton, R. I. (2007). The No Asshole Rule: Building a Civilized Workplace and Surviving One That Isn't. Stanford Graduate School of Business / Business Plus.
- Tepper, B. J. (2000). Consequences of Abusive Supervision. Academy of Management Journal, 43(2), 178–190.
- Universität Bielefeld / Prof. Dr. Christina Hoon: Auswertung von über 40.000 Kununu-Bewertungen, berichtet im Tagesspiegel, Januar 2025.
- Wolor, C. W., Ardiansyah, A., Rofaida, R., Nurkhin, A. & Rababah, M. A. (2022). Impact of Toxic Leadership on Employee Performance. Health Psychology Research, 10(4).














