Menschen sind aufmerksamkeitsblind – Pferde nicht

S. Bertl | Equivalenz Coaching • 20. Mai 2026

Was Menschen übersehen - Pferde aber nicht

Stellen Sie sich vor, Sie führen ein Gespräch – und 90% dessen, was Sie kommunizieren, entgeht Ihrem Gegenüber. Nicht weil er unhöflich ist oder nicht zuhören möchte, sondern weil das menschliche Gehirn strukturell dafür gebaut ist, das meiste in der Kommunikation auszublenden.

Das erklärt, warum sich Kommunikation häufig so schwierig gestaltet, aber auch, warum Feedback zwischen Menschen so oft ins Leere läuft – und warum ein Pferd in einem Coaching-Prozess etwas leistet, das kein Mensch leisten kann.

Aufmerksamkeitsblindheit – ein strukturelles Problem

Das menschliche Gehirn filtert permanent. Es kann nicht alles gleichzeitig verarbeiten – also priorisiert es.

Was für die aktuelle Aufgabe unwichtig erscheint, wird ausgeblendet. Das ist evolutionär sinnvoll. Im sozialen Kontext aber hat es eine folgenreiche Nebenwirkung: Menschen übersehen systematisch, was in ihrer Umgebung und in ihrem Gegenüber geschieht – selbst wenn es direkt vor ihnen liegt.

Jones (2022:239) beschreibt diesen Mechanismus präzise: Menschen übersehen häufig Veränderungen, die für eine aktuelle Aufgabe unwichtig erscheinen. Pferde hingegen nehmen permanent kleinste Variationen wahr und zeigen keine „Unaufmerksamkeitsblindheit".

90% der Kommunikation bleiben unsichtbar

Rund 90% unserer Kommunikation findet – zumeist unbwusst – nonverbal über Emotionen, Körperverhalten und kleinste Energieveränderungen statt (Möhrmann, 2021:23). Wir senden ständig – über Körperhaltung, Atemfrequenz, Muskelspannung, Mimik, Stimmlage.

Das Problem: Für andere Menschen bleiben diese Signale zum Großteil unsichtbar und führen nicht zur beabsichtigten Resonanz und Reaktion.

Missverständnissen und Konflikte entstehen häufig aus dieser Aufmerksamkeits-Blindheit: 90% der bewusst und unbewusst gesendeten Signale werden nicht erkannt, und das ohne böse Absicht. In Folge werden Grenzen  überschritten ohne dass jemand bemerkt hätte, dass sie zuvor signalisiert worden sind. Und Kommunikation, die vom Sender als klar empfunden wird, kommt beim Gegenüber als ganz andere Botschaft an.

Das gilt in besonderer Form noch einmal verstärkt für Feedback: Nicht nur der oben beschriebene Verlust durch die Aufmerksamkeitsblindheit, sondern zusätzlich auch soziale Filterung, kognitive Übersteuerung, Höflichkeit – all das sorgt dafür, dass das, was gesendet wird, nicht so ankommt, wie es gemeint war. Und das, was ankommt, wird wiederum selten direkt rückgemeldet.

Inkongruenz – wenn Selbstbild und Signal nicht übereinstimmen

Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus: Menschen können Gefühl und Verhalten voneinander trennen.

Der präfrontale Kortex ermöglicht es uns, Emotionen zu regulieren, zu überdecken, zu verschieben. Das ist sozial nützlich – und im Coaching eine Quelle blinder Flecken.

Wer innerlich aufgewühlt ist, aber ruhig wirken will, tut das. Wer unsicher ist, aber Stärke zeigen möchte, zeigt sie.

Die Diskrepanz zwischen innen und außen – die Inkongruenz – ist für andere Menschen kaum erkennbar. Meist nur in kleinsten Mikrosignalen der Mimik sichtbar (Cornils, 2024:58f.). Für ein Pferd ist sie sofort erkennbar.

Warum Pferde besonders fein wahrnehmen können

Keine Aufmerksamkeitsblindheit – evolutionär begründet

Pferde sind Herden- und Fluchttiere. Ihr Überleben hing über Jahrmillionen davon ab, kleinste Veränderungen in ihrer Umgebung sofort und präzise wahrzunehmen:

Eine herannahende Gefahr, die Anspannung eines Herdenmitglieds, eine minimale Veränderung im Verhalten des Leittiers all dies ist für Pferde überlebenswichtig.

Diese evolutionäre Notwendigkeit hat das Nervensystem des Pferdes grundlegend geprägt:  Aus Sicherheitsgründen gibt es für das Flucht- und Beutetier Pferd keine Aufmerksamkeitsblindheit – das Pferd nimmt permanent und ungefiltert wahr (Jones, 2022:239), nicht selektiv, nicht priorisierend - sondern uneingeschränkt und unmittelbar.

Mehr Sinne, kürzere neuronale Wege

Die sensorischen Fähigkeiten des Pferdes übertreffen die des Menschen in mehreren Dimensionen:

Pferde verfügen über mehr olfaktorische Rezeptoren als manche Hunderassen. Sie können Stresshormone wie Kortisol und Adrenalin differenziert wahrnehmen – mindestens ebenso präzise wie Hunde (Jones, 2022:90ff.). Sie riechen, was Menschen fühlen – lange bevor es sich in Verhalten zeigt.

Pferde sehen anders als Menschen. Sie haben ein erheblich breiteres Sichtfeld und scannen ihre Wahrnehmung permanent. Sie können zwar weniger Farben als Menschen wahrnehmen, dafür erkennen Sie aber kleinste Veränderungen in ihrer Umwelt erheblich präziser als Menschen. Was eben noch in einer bestimmten Position verharrt hat, und diese Position auch nur geringfügig verändert hat, nimmt das Pferd sofort wahr.

Daneben ist die neuronale Architektur des Pferdes ist darauf ausgelegt, Wahrnehmung unmittelbar in Reaktion umzusetzen: Eine direkte Verbindung zwischen Wahrnehmungsorganen und motorischem Kortex ermöglicht Reaktionen, die erheblich schneller sind als beim Menschen. Das liegt daran, dass beim Menschen die Weitrleitung des Nervenreizes  über den präfrontalen Kortex verläuft (Jones, 2022:27), beim Pferd hingegen wird der Reiz sofort in die Reaktion umgesetzt.

Das Pferd reagiert schon, bevor der Mensch überhaupt rational geklärt hat, was er wahrgenommen hat.

Pferde können nicht lügen – und reagieren individuell

Das entscheidende Merkmal: Pferde können Gefühl und Verhalten nicht voneinander trennen.

Ihnen fehlt der präfrontale Kortex, der beim Menschen diese Trennung ermöglicht (Schütz, 2020:76). Das bedeutet: Was das Pferd wahrnimmt, zeigt es unmittelbar – ohne Filter, ohne soziale Rücksicht, ohne Interpretation.

Inkongruentes Verhalten – wenn das, was jemand zeigt, nicht mit dem übereinstimmt, was er fühlt – erkennen Pferde schneller und reagieren darauf aktiv hinweisend, anders als Primaten und Hunde (Schütz, 2020:66).

Und ihre Reaktionen sind nicht antrainiert: Schütz et al. (2018) konnten zeigen, dass Pferde unterschiedlich auf verschiedene Personen in identischen Settings reagieren. Auch wenn sie bestimmte Abläufe kennen, bspw. Übungen aus dem Parcour, reagieren Sie immer unterschiedlich auf denjenigen, der Führt.

Ihr Feedback ist individuell – es gilt der Person, nicht der Übung.

Was das für Horse Assisted Coaching bedeutet

Der simultane Spiegel, der freundlich ist, aber nicht höflich schweigt

Im Kontakt mit einem Pferd gibt es keine soziale Filterung. Das Pferd gibt in jedem Augenblick des Kontakts Rückmeldung:

Das kann auch durch Nichtstun, auch durch Stehenbleiben bzw. durch Verweigerung geschehen. „Wir können nicht nicht kommunizieren" – dieser Satz von Watzlawick erhält im Kontakt mit dem Pferd eine unmittelbar erfahrbare Bedeutung (Cornils, 2024:57).

Was das Pferd zeigt, ist nicht bewertend – es reagiert auf ein konkretes Verhalten, nicht auf die Person. Genau das macht sein Feedback für Klienten oft leichter annehmbar als menschliches Feedback (Möhrmann, 2021).

Wer weiß, dass er ehrliches Feedback bekommt, das er einfach so glauben darf – so formulierten es Klienten in der empirischen Erhebung (Bertl/Schütz 2026) – erlebt das als Entlastung, nicht als Bedrohung.

Inkongruenz wird sichtbar – in Echtzeit

Pferde erkennen menschliche Mimik (Schütz, 2020:66f.), reagieren auf Körperhaltung (Schütz, 2024:60) und lesen Emotionen als Erregungszustände unmittelbar.

Anspannung und Angst werden schnell wahrgenommen und beantwortet (Möhrmann, 2021:8).

Besonders bedeutsam: Sie entlarven schnell überspielte oder vorgespielte Emotionen – auch solche, die sich nur in Mikroexpressionen der Mimik zeigen (Cornils, 2024:58f.). Die Diskrepanz zwischen Selbstbild und tatsächlichem Signal wird im Kontakt mit dem Pferd sichtbar – nicht als Analyse im Nachhinein, sondern im Moment des Entstehens.

Das ermöglicht eine Form der Selbstwahrnehmung, die im rein gesprächsbasierten Coaching strukturell schwerer zu erreichen ist: nicht kognitiv erschlossen, sondern direkt erfahren.

Warum Sie auf exzellent ausgebildete Coaches achten sollten

Die Wahrnehmungsfähigkeit des Pferdes ist ein präzises Instrument – aber nur dann nützlich, wenn jemand da ist, der sie liest, deutet und adressatengerecht in den Coaching-Prozess einbringt.

Der Coaching-Markt ist in Deutschland nicht reguliert, der Titel "Coach" ist nicht geschützt. Jede:r darf sich so nennen, egal ob er eine Ausbildung absolviert hat, oder ein:e selbsternannte:r Coach ist.

Aber auch Ausbildung ist nicht gleich Ausbildung: Ein Wochenend-Seminar oder ein Online-Kurs kann keine umfangreiche Ausbildung ersetzen, die nicht nur handwerkliches Know-How anders vermitteln kann, auch Grundbedingungen des Coachings, eine innere Haltung des Coaches, umfangreiche Selbstreflexion und Supervision , Grenzen zwischen Coaching und Therapie usw. brauchen Zeit, um durchdrungen und internalisiert zu werden.

Das gilt noch einmal mehr für Coaching mit Pferd, denn neben der Dyade Coach - Klient:in kommt das Pferd als Co-Coach noch hinzu.

Damit Horse Assisted Coaching in seine volle Entfaltungskraft kommen kann, so dass es seine ganze Wirkung entfaltet, braucht es neben Elementen des Systmischen Coachings und des Emotionscoachings auch eine reihe spezieller Kenntnisse, um mit dem Pferd sicher und wirkungsvoll zu coachen.

Achten Sie darauf, dass Ihr Equine Coach daher von einem renommierten Institut auf der Basis der aktuellen wissenschaftlichen Forschung ausgebildet ist und sich auch nach der Fortbildung fortlaufend weiterbildet. Ein gutes Qualitätszeichen ist bspw. die Mitgliedschaft in einem Coaching- oder Berufsverband, wie bspw. dem Qualitätszirkel pferdegestützter Coaches.

Pferde wirken - Studie 2026: Was Klienten sagen

Die empirischen Rückmeldungen, auf die sich dieser Artikel stützt, entstammen einer Erhebung mit 164 Klienten im Rahmen meiner Abschlussarbeit zur zertifizierten systemischen Coach (IHK). Was Klienten dabei besonders erinnern, ist nicht die Methode – sondern die permanente, ungefilterte Aufmerksamkeit des Pferdes. Zwei Stimmen bringen das auf den Punkt:


  • „Im Allgemeinen fand ich es sehr besonders, wie schnell & präzise das Pferd mein Inneres widerspiegeln konnte!" (Bertl, 2026)
  • „Ich hatte ein sehr behutsames und aufmerksames Pferd im Coaching, welches meine Haltung absolut gespiegelt hat. Dadurch wusste ich an jeder Stelle, wie stark/unsicher etc. ich gerade auftrete." (Bertl, 2026)


Klienten möchten nicht nur verstehen, warum das Pferd so reagiert hat. Sie brauchen die professionelle Begleitung, die aus einer Erfahrung, einer Beobachtung in eine tiefe Reflexion begleitet – und aus einer Reflexion in eine Veränderung kommt.


Ob und wie wirksam pferdegestützte Interventionen werden, hängt maßgeblich von der Qualität und der Ausbildung der Coaches ab.

Das Pferd öffnet den Prozess. Der Coach gestaltet ihn.

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→ Die wissenschaftliche Grundlage im Überblick: Wissenschaftlich fundiert

→ Wie Pferde als Spiegel im Coaching wirken: Das Pferd als Spiegel

→ Warum Stressregulation die Voraussetzung für wirksames Coaching ist: Herzratenvariabilität und Coaching


Quellen:
  • Bertl, S. (2026). Pferde wirken. Studie 2026.
  • Cornils, A. (2024). Zitiert in: Bertl, S. (2026). Zur Wirksamkeit pferdegestützter Coachings in Theorie und Praxis. Abschlussarbeit, S. 57–59.
  • Gomolla, A. (2003). Psychotherapie: Pferde haben Spiegelfunktion. Deutsches Ärzteblatt, 08/2014. aerzteblatt.de/archiv/psychotherapie-pferde-haben-spiegelfunktion-711e268d-d7c6-4388-af15-4e928b391579
  • Heintz, B. (2021). Empathie auf vier Hufen. Einblicke in Erleben und Wirkung pferdegestützter Psychotherapie.
  • Jones, J. (2022). Horse Brain – Human Brain. Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft – Wie Pferd & Mensch denken, fühlen, handeln.
  • Möhrmann, M. (2021). Das Pferd als Spiegel der Seele – Akzeptanz und Auswirkung pferdegestützter Therapie und Coaching. Forschungsbericht 01/2021.
  • Schütz, K. (2019). Pferde und Psychologie – Forschungserkenntnisse zur positiven Wirkung von Pferden auf Menschen. Tiergestützte Therapie, Pädagogik & Fördermaßnahmen, 2/2019, 34–38.
  • Schütz, K. (2020). Pferde, Forschung und Psychologie – Wissenschaftliche Befunde zu Fähigkeiten von Pferden und deren Wirkung auf den Menschen.
  • Schütz, K. (2024). „Und dann bin ich einfach völlig lost!" Praxis Kommunikation, 3/2024, 58–61.
  • Schütz, K. (2025b). Von Depression bis Angststörung – ich coache sie alle. Woran Klient:innen gute Coaches erkennen und was Coaching von Psychotherapie unterscheidet. Praxis Kommunikation, 2/2025, 18–21.
  • Schütz, K., Ritters, A., & Oebel, L. (2018). Können Pferde als Co-Trainer agieren? Individuelle Reaktionen von Pferden in der Persönlichkeitsentwicklung auf unterschiedliche Klienten. Tiergestützte Therapie, Pädagogik und Fördermaßnahmen, 1/2018, 22–26.


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